Summ, summ, summ und auf den Teller

Von Babette Sigg *

Der junge Mann war durchaus etwas aufgeregt, denn sein Anliegen war ein brisantes und eine Herzensangelegenheit dazu. Er wollte das Konsumentenforum überzeugen. Es war sozusagen am Vorabend der finalen Besprechungen rund um die neue Lebensmittelverordnung, über deren Inhalt über mehrere Monate von diversen Protagonisten und unter Federführung des Bundesamtes für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen heftig diskutiert und gestritten wurde. Mehr Konsumentenschutz, mehr Deklaration, genauere Angaben, obligatorische Nährwertangaben! So tönte es von der einen Seite. Längere Übergangsfristen, KMU- und wirtschaftsfreundlichere Umsetzung, schlankere Vorgänge und Vorgaben! So von der anderen. Und als wäre nicht Verdruss genug, war da noch der besagte junge Mann mit seinem Anliegen: Insekten auf den Teller.
Wäääääähhhkk, so grusig! Kein Wunder, dass es den einen oder andern schüttelt bei diesem Gedanken. Man schaue sich einmal die Bilder einer, sagen wir, Mehlwurmzucht, an. Da wurlt und windet und wieselt es, da schlingen und ringeln sich dicken Schnüren gleich Wurmkörper aneinander und umeinander. Und das sollen wir essen? Im Ernst? Doch lohnt es sich durchaus, einmal einen Blick über den Tellerrand in die Schüsseln anderer Kulturen zu tun. Rund zwei Milliarden Menschen weltweit ernähren sich von Insekten. Diese sind reich an Eiweiss und Vitaminen und enthalten ungesättigte Fettsäuren und Nährstoffe wie Eisen und Zink. Konkret: 100 Gramm Heugümper enthalten unschlagbare 48 Gramm Eiweiss, ein Hühnerei hingegen ganze zwölf Gramm, ein Rindsfilet immerhin 22 Gramm.
Ja, unsere Rinder und Säuli. Sie produzieren bis zu einhundertmal mehr Treibhausgase pro Kilo Körpermasse als Insekten. Wir haben es also mit regelrechten nachhaltigen Eiweissbomben zu tun, die erst noch weniger Futter brauchen. Das sollten wir nicht ignorieren. Angesichts der wachsenden Weltbevölkerung müssen wir uns damit auseinandersetzen, was wir morgen, will heissen, in Zukunft, essen können. Ja, auch in der Schweiz. Das sind Fakten, aber damit überzeugt man so schnell niemanden. Drehen wir die Sache einmal um. Wann haben Sie das letzte Mal Crevetten gegessen? Mit ihrem zarten Geschmack, den auch diejenigen, denen man sonst keine Fische vorsetzen darf, durchaus akzeptieren, mit ihrer anmächeligen rosa Farbe, mit dem knackigen Biss und der doch recht eigenwilligen Form, die einer gekrümmten Riesenschabe oder Kakerlake gleicht? Sogar der Panzer stimmt. Da kommt ein grillierter Grillen-Spiess doch gleich viel normaler daher. Und, wie ich mir sagen liess, schmeckt er auch wirklich fein.


Ja, er hatte Erfolg, unser junger Mann auf der Geschäftsstelle des Konsumentenforums. Wir unterstützten sein Anliegen, die drei bereits erwähnten Insekten ins neue Lebensmittelgesetz aufzunehmen. Und dieses ging so weit, dass Grillen und Co. auf den Verpackungen zwar deklariert sein müssen, aber auch zerkleinert und gemahlen eingesetzt werden dürfen. Nun, ein Burger aus Mehlwurmmehl – das wäre doch ein Versuch wert, nicht wahr?
Für Vegetarier und Veganer bieten Mehlwurm, Heugümper und Grille übrigens leider keine Bereicherung ihres Speisezettels, da «auch Insekten ein Empfindungsvermögen haben», so der Verein Sentience Politics. Gut, dass wir das auch noch wissen.

* Babette Sigg, wohnt in Kloten und war Mitglied des Gemeinderates. Sie ist Präsidentin der CVP Frauen Schweiz und Präsidentin des Konsumentenforums (kf).

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